1969

Die Tage vor dem 26.Juli 1969 - es war Annatag, ein Samstag - waren schöne, heiße Sommertage, ein richtiges Badewetter. Gegen Ende der Woche gingen mehrmals Gewitter nieder. Am verhängnisvollsten war das Wetter am Freitag von 20 bis gegen 23 Uhr; es lockerte das Erdreich im Almgebiet und schwemmte die Erde an mehreren Orten ab.

Am Samstag nachmittags ballten sich dunkle Wetterwolken im Gebiet des Roßkogels zusammen, die wegen der Windstille nicht von der Stelle wichen. Das sahen die Inzinger nicht gerne, denn der Roßkogel ist für unser Dorf und für Sellrain ein gefürchteter Wetterberg.

Das Schwimmbad, das Bürgermeister Schletterer erst im Juni des Vorjahres eröffnet hatte (Baukosten 3,7 Millionen Schilling), war dicht bevölkert. Der Bademeister Franz Kirchmair (Bahnstraße 10) und die Kassierin des Bades, Frau Sieglinde Falkensteiner (Toblatnerweg 2b), bemerkten das drohende Wetter und mahnten die Badegäste immer wieder, das Bad zu verlassen. Zum Glück befolgten die meisten Gäste diese Aufforderung.

Über dem Gebirgskamm, der vom Rietzer Grieskogel über den Hocheder und die Peiderspitze zum Roßkogel verläuft, prasselten Hagel und schwere, wolkenbruchartige Regengüsse nieder. Die runden Hagelkörner schlugen in den Boden und wirkten wie Kugellager, auf dem die Lockerschichten hangabwärts rutschten.

Zunächst verbaute ein kleiner Murbruch im Almgebiet den Abfluß des angeschwollenen Enterbaches und staute das Wasser zurück. Fast gleichzeitig kamen im inneren Gebiet des Hundstales die aufgeweichten Schottermengen ins Gleiten und füllten den Enterbach. Durch den Druck barst der ,,Staudamm`` und die Murmasse wurde frei. Besonders unheilbringend waren die etwa 30 Nebengewässer des Enterbaches, die viel Material in das Bachbett ergossen, durch das nun der Erdbrei, gemischt mit Geröll, Felsbrocken, entwurzelten Sträuchern und Bäumen dem Dorfe zustürmte.[*]

Bademeister Kirchmair, der gerade heimgehen wollte, erkannte die Gefahr, eilte zurück ins Bad, brachte die Kassierin, ihre zweijährige Tochter und die wenigen Gäste, die sich noch im Bereich des Bades aufhielten, in Sicherheit. Ihm ist es zu verdanken, daß nicht mehr Opfer zu beklagen waren.[*] Der Innsbrucker Badegast, Finanzbeamter Dr.Josef Öfner und sein sechsjähriger Sohn kamen in der Murflut um.

Man sah Dr.Öfner im Murbrei abwärts treiben, konnte ihm aber nicht helfen. Erst später fand man den Verunglückten in der Nähe des Bahndammes und zog ihn heraus. Pfarrer Knabl, den man rasch geholt hatte, konnte leider nur mehr den Tod feststellen.

Hubschrauber suchten nach dem Jungen und nach Menschen, die man im Schlamm oder halbverdeckt unter Geröll liegend, vermutete; auf dem Parkplatz des Schwimmbades hatte man fünf vollständig zertrümmerte Autos gefunden. Die Inhaber der Wagen hatten sich noch nicht gemeldet; man befürchtete, daß auch sie der Mure zum Opfer gefallen sein könnten. Trotz langem und öfterem Einsatz fanden sie den Knaben nicht, gottlob auch keine anderen Verunglückten. Erst in den Morgenstunden des Dienstags (5.August) entdeckten ihn Männer bei den Aufräumungsarbeiten. Er lag in einem Raum des Schwimmbades. Sand und Schlamm hatten ihn überdeckt, sodaß man ihn nicht sofort sah.

Die Mure kam in zwei Schüben, um ca.1640Uhr und um 1720Uhr. Nach Berichten von Augenzeugen kam der erste Schub, gleich einer Springflut, mehrere Meter hoch dahergestürmt. Schlamm, Geröll, Baumstämme, zum Teil aufrecht stehend, Steine in allen Größen und ungeheurer Zahl, darunter gewaltige Felsblöcke, zermalmten und stürzten alles nieder, was ihnen im Weg war. Von 44 Wehren im Hundstal zerstörte die Sturmwelle 42. In wenigen Minuten war das Werk der Vernichtung vollbracht.

Aus dem Almgebiet hatte die Mure Jungvieh mitgerissen und talwärts geschwemmt. Da, wo die Murmassen aus der Enge in die Weite stürzten, stand die erst kürzlich erbaute Schihütte des Anton Hosp. Die Flut zertrümmerte den Bau und die Bewohner konnten sich nur mit knapper Not retten.

Das Schwimmbad, die Freude vieler Inzinger, wurde schwer zerstört. Im Gelände und in vielen Räumen lagen meterhoch Schutt und Steinblöcke. Den Vorbau und Eingang des Schwimmbades hatte die Mure vollständig ausgemerzt.[*]

Wiesen und Äcker sowie Gärten wurden metertief übermurt und auf lange Sicht unbrauchbar. Es dürften insgesamt bis zu 12 km im Quadrat vermurt und stellenweise bis zu 3 Meter hoch verschüttet sein. Die Landstraße nach Hatting war unpassierbar, da die Brücke total weggerissen war. Bis zum Bahngeleise - in der Nähe des Inns - gelangten die Fluten. Infolge Rückstauens und Ansteigens der Schlammassen überflutete dann das Wasser das Geleise in einer Länge von 200 Metern. Der Zugsverkehr in Richtung Arlberg war unterbrochen, und es mußte ein Schienenersatzverkehr von Zirl bis nach Telfs eingerichtet werden.[*]

Das ,,Kirchenblatt für Tirol``, Nr.31 vom 3.8.1969 gab folgende Schilderung der traurigen Lage:

Das Dorf bot am Abend ein Bild des Grauens. Das Wasser rann durch die Straßen, Caterpillar hatten die Gassen notdürftig vom halbmeterhohen Geröll gereinigt. Das frische Heu, vorhin noch auf den Wiesen, strömte naß und verschlammt einen unvergeßlichen Geruch aus. Die Füße versanken wieder und wieder knietief im Morast. Das Fehlen des elektrischen Lichtes ließ das Dorf gespensterhaft erscheinen. In manchen Häusern brannten Kerzen, in einigen Gassen dröhnten die Bagger und Caterpillars. Die Scheinwerfer der Einsatzfahrzeuge griffen hart und grausam das Elend aus dem verhüllenden Dunkel.[*]

Der sonnige Sonntagmorgen ließ das Ausmaß der Katastrophe deutlich erkennen.

In zahlreichen Siedlungshäusern, vor allem im westlichen Teil des Ortes, waren schwere Schäden eingetreten. Haushaltsmaschinen im Keller total vernichtet; die eingelagerten Vorräte verdorben; Wasser in den Erdgeschossen; Möbel, Fußböden schwerstens in Mitleidenschaft gezogen.

Rund 400000 m \ensuremath{³} Material schüttete die Mure auf eine Fläche von ca.12 km \ensuremath{²}; davon waren 52 Hektar wertvolles Bauernland und Baugrund, worauf Steine und Schlamm bis zu 3 Meter Höhe lagerten. Ca.4000 m \ensuremath{³} Murmaterial blieben im Schuttkegelhals und rund 45000 m \ensuremath{³} im Almgebiet liegen. Außer dem schwerbeschädigten Schwimmbad waren 12 Häuser und die Johanneskapelle beim Enterbach bis zu 1 Meter hoch eingemurt, 4 km Gemeindestraßen und ein Teil der Landstraße zerstört.

Dagegen blieben die Häuser am Mühlweg, der doch in einer stark gefährdeten Zone verläuft, von der Mure unbehelligt. Einige Gebäude in der Bahnhofgegend - auch im östlichen Gebiet - die nach allgemeiner Ansicht vor der Mure sicher waren, wurden teilweise verschlammt.

Am Sonntag eilte eine neue Schreckensnachricht durchs Dorf. Was manche Bewohner schon am Murtag gehört hatten, erfuhren nun alle: Die Mure hatte ein drittes Todesopfer gefordert. Der zweiundzwanzigjährige Baggerführer Klaus Kofler, ein Arbeiter der Baufirma Schärmer, hatte in der Nacht vom 25. auf 26.Juli im ,,Reißenden Ranggen`` die Straße und die Bahnstrecke, die vermurt waren, frei gemacht. Nach einigen Stunden Schlaf fuhr er ins Mühltal zum Steinbruch. Hier baute er mit dem Radlader aus dem Schutt einen Damm, der den Lauf des Murwassers ins Dorf verhindern sollte. Dabei wurde er vermutlich vom zweiten Schub der Mure überrascht. Die Baumaschine versank im brodelnden Brei, und er selbst wurde fortgeschwemmt.

Am Sonntag barg man seine Leiche auf dem Rakes aus Schutt und Schlamm. Er ist ein Beispiel für Pflichttreue bis in den Tod!

15 Personen, die meisten wohnten in Inzing, waren durch die Mure oder bei den Abwehrarbeiten verletzt worden; sie konnten nach ambulanter Behandlung in der Klinik oder beim Arzt des Ortes, Dr.Hirschberger, gleich entlassen werden. Nur eine Familie (3 Personen), die im Hause, Kohlstatt 66, ihren Ulaub verbrachte, mußte verletzt in die Klinik gebracht werden; doch auch sie konnte das Krankenhaus bald verlassen.

Kaum eine Stunde nach Eintritt des Unheiles traf unser Bezirkshauptmann Hofrat Dr.Albert Nöbl bei uns ein. Unverzüglich veranlaßte er zusammen mit Bürgermeister Kurt Schletterer, tatkräftig unterstützt von Oberforstrat Dipl.Ing.Dr.Aulizky, Vizebürgermeister Ing.Schärmer und Mitgliedern des Gemeinderates, die erforderlichen Maßnahmen.

Landesfeuerwehrkommandant-Stellvertreter Hermann Partl, der sofort nach Bekanntwerden der Katastrophe mit dem Rüstfahrzeug des Bezirksverbandes und Männern der Freiwilligen Feuerwehr Zirl eingetroffen war, hatte bereits zusammen mit Bezirkskommandant Josef Scheiring die für einen Einsatz in Betracht kommenden Feuerwehren alarmiert.

Schon im Laufe des Abends waren unter dem Kommando des Landesfeuerwehrkommandanten Kommerzialrat Karl Glas die Feuerwehren von Hatting, Pfaffenhofen, Telfs, Pettnau, Oberleutasch, Seefeld, Reith, Zirl, Ranggen, Kematen, Völs, Solbad Hall, Volders und Wattens, Polling und die Landesfeuerwehrschule sowie die Feuerwehr von Inzing im Einsatz. Für die Wasserversorgung stellte sich in dankenswerter Weise die Innsbrucker Berufsfeuerwehr zur Verfügung.

Landeshauptmann Ökonomierat Eduard Wallnöfer und Landeshauptmann-Stellvertreter Dr.Karl Kunst mit hohen Beamten der Regierung überzeugten sich noch am Samstag an Ort und Stelle vom Ausmaß der Katastrophe und sagten jede mögliche Hilfe zu.[*]

Schnell waren auch 30 Mann der Gendarmerie unter Leitung von Major R.Sams und zwei Züge der Panzerjäger aus Innsbruck und Solbad Hall unter dem Kommando von Oberleutnant Jordan zur Stelle.[*]

Besonders bewährt haben sich in der Schreckensnacht die Notstromaggregate der TIWAG, der Feuerwehren und des Roten Kreuzes.

Zum Einsatz bereit stand auch der Katastrophenzug des Roten Kreuzes von Innsbruck, Seefeld und Telfs mit einem Notlazarett und Rettungsfahrzeugen. Wertvolle Hilfe haben bei den Aufräumungs- und Sicherungsarbeiten die Funkgeräte der Feuerwehren und der Telfer Bergwacht geleistet.

Doch die wichtigste Arbeit leisteten die mutigen Raupen- und Baggerführer mit ihren Baumaschinen. Besonders oberhalb der Ortschaft schafften sie hastig Geröll, Wurzelwerk, Holz und Steine aus dem Bachbett, um die Gefahr einer neuerlichen Überschwemmung zu vermindern.[*]

Die Einsatz- und Arbeitsfreudigkeit der Männer der Feuerwehren, des Bundesheeres, der Gendarmerie, des Roten Kreuzes, der Bergwacht, der Bergrettung und der Baufirmen war über jedes Lob erhaben. Einen Dank hat sich auch der Bautrupp der TIWAG verdient, der am Sonntag bei strömendem Regen auf den Masten arbeitete, um Inzing an das Stromnetz der TIWAG anschließen zu können.[*]

Ein Kunststück hat die Feuerwehr Seefeld nach einem in Eile von Landesfeuerwehrkommandanten Karl Glas entworfenen Plan mit der provisorischen Instandsetzung der Wasserleitung vollbracht. Vor dem Hochbehälter wurde die zerstörte Leitung durch einen über das Tal gezogenen und an einem Drahtseil aufgehängten zirka 100 Meter langen B-Schlauch ersetzt. Auf die gleiche Art wurde ein Teil der Wasserleitung ab dem Hochbehälter repariert.[*]
Am nächsten Tag kündeten die Sirenen neuerdings Bedrängnis und Not. Gendarmen, die im Hundstal den Bach und die Murhänge beobachten mußten, meldeten Gefahr. Erdreich, vermengt mit Holz und Steinen, hatte den Bach wieder in einer Länge von hundert Metern, 60 bis 80 Meter breit, verlegt. Eine Stauung und nachfolgender Durchbruch waren zu befürchten. Um einer weiteren Katastrophe vorzubeugen, wurden auf Anordnung des Bürgermeister die Bewohner der oberen Kohlstatt und des oberen Mühlweges am Sonntag abends aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Die Befürchtungen der Gendarmen trafen gottlob nicht ein; das Wasser konnte ungehindert unter dem im Bachbett lagernden Schutt abrinnen.

Am Montag war die Gefahr weitgehend beseitigt. Auch die Züge verkehrten an diesem Tage ab 1930Uhr wieder nach beiden Richtungen.

Noch am Abend des schrecklichen Ereignisses brachten Rundfunk und Fernsehen Meldungen über das Unglück. Von überall kamen besorgte Anfragen, wurde Hilfe angeboten. Ausländische Gäste, die schon öfters bei uns ihren Urlaub verbracht hatten, zeigten Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Sogar aus England wurde bei unserem Pfarrer angefragt, ob die schöne Kirche noch stehe.

Aber auch der Attraktionshunger unserer Zeit mußte gestillt werden. In der Presse des Auslandes konnte man Sensationelles lesen. Ein Schweizer Blatt berichtete, daß in Inzing 390 Häuser in Trümmer lägen; ähnliche Berichte brachten jugoslawische Zeitungen.

Manche Zeitungen, - die oft die Verhältnisse nur nach den Aussagen unberufener Personen beurteilten - so unter anderen die ,,Wiener Wochenpresse`` vom 6.8.1969, warfen dem Gemeinderat, den Bezirks- und Landesbehörden Leichtsinn und mangelnde Vorsorge vor. Nach ihrer Meinung müßte man das Verfassungsgesetz so ändern, daß das Entscheidungsrecht der Gemeinde bei Baugenehmigungen eingeengt werde.

Die Gemeinde erlitt an ihrem Vermögen durch die Mure großen Schaden. Wege (Kohlstatt, Mühlweg, Toblatnerweg, Prantlweg, Schretterweg, Hauptstraße, Salzstraße und Bahnstraße), Brücken (Hofer-, Wires-, Moltrain- und Gaisaubrücke), die Wasserleitung und Kanalanlage, das Elektrizitätswerk und das Schwimmbad sowie Waldungen wurden mehr oder weniger stark beschädigt.

Die Arbeiten für die Wildbachverbauung, für die Verlegung des Enterbaches, für die Schaffung eines Stauraumes und für die damit verbundene Ablöse von Holz- und Streunutzungsrechten erforderten bedeutende Mittel. Die Gemeinde bewertete die gesamten Kosten für Erneuerungs- und Wiederinstandsetzungsarbeiten am 30.10.1969 auf ca.19 Millionen Schilling. Wenn auch damals noch der absolut fehlerfreie Einblick über den Umfang des Unglückes fehlte und der Betrag vielleicht zu hoch beziffert wurde, waren die Verluste doch außerordentlich groß.

An Zuwendungen aus öffentlichen Mitteln erhielt die Gemeinde 6240000 Schilling.

Die Bevölkerung meldete bei der Gemeinde 77 Beschädigungen an landwirtschaftlichen Nutzflächen, 29 an Waldungen, 23 an Gebäuden, 3 an gewerblichen Betrieben und 3 am Hausrat.

Das Ausmaß der vermurten und aufgelandeten Äcker und Wiesen betrug 68,5927 ha. Davon entfielen auf Wiesen 50,0301 ha, Getreide 3,5410 ha, Silomais 6,5256 ha, Kartoffeln 4,5936 ha, Egarten 2,6498 ha, Rüben 0,6256 ha und für den Intensivobstgarten des Grießer Paul in Toblaten 2 0,6270 ha.

Die Gemeinde beauftragte Ing. Hermann Thurnbichler, den Schaden an Äckern und Wiesen festzustellen. Die Schätzung des Schadens erfolgte nicht in der Natur, sondern an Hand der Katastermappe und des Parzellenprotokolls der Gemeinde. Die Mure hatte das Erdreich zum Teil bis zum Untergrund fortgeschwemmt oder stark versandet und daher konnten vielfach Grenzen und Nutzungswert an Ort und Stelle nicht mehr ermittelt werden. Den Wert gaben die Besitzer selbst bei der Erhebung in der Gemeindekanzlei an.

Durch den Ernteausfall erlitten 77 Grundbesitzer einen Schaden in der Höhe von 931406 Schilling. In diesem Betrag ist die Rekultivierung der vermurten Flächen nicht inbegriffen; diese Kosten übernahm das Land Tirol im Rahmen der Grundzusammenlegung. Den größten Schaden erlitt der Bauer Johann Kirchmair, Mühlweg 31.

Zur Ermittlung der Schäden legte die Bezirkslandwirtschaftskammer Innsbruck im Verein mit den Ortsschätzleuten folgende Sätze fest (pro m \ensuremath{²} in Schilling): Heu 1,20; Getreide 1,40; Mais 2,10; Kartoffeln 2,50; Egart 1,40; Rüben 2,30;

Außer diesen Schäden meldeten die Bauern noch andere Verluste, nämlich 4 Feldstadl, 4 Stanggerschupfen, 1225 Stangger, 3500 kg Streu in der Gaisau und 9200 kg Heu in Stadeln und auf Stanggern. Schäden unter 5000 Schilling wurden in die Katastrophenhilfe nicht einbezogen.

Schätzer der Landeslandwirtschaftskammer stellten am 18.9.1969 auf Grund eines Lokalaugenscheines an Zäunen, Rasenflächen, Gemüse, Blumenanlagen, Zier- und Beerensträucher sowie Obstbäumen in den einzelnen Ortsteilen folgende Schäden fest:



Jörg Köldererweg 44592 S      Vinzenz Gasserweg 6994 S
Toblaten 20357 S   Rauthweg 5140 S
Salzstraße 19759 S   Hauptstraße 4200 S
Bahnstraße 14874 S   Mühlweg 1830 S
Hube 8750 S   Toblatnerweg 865 S
insgesamt 127361 Schilling



An Spenden - auch aus dem Ausland, sogar aus den USA - liefen bei der Gemeinde 199337,81 Schilling ein, darunter 20000 S von der Stadt Lienz, 10000 S vom DÖ Alpenverein, 8000 S von der Gemeinde Nikolsdorf in Osttirol, 8000 S von der Versicherungsanstalt der österr.Bundesländer, 6000 S von Frau Juliane Öhler, geb.Schnaitter (Inzinger Kirchgasse 12), 5000 S von der Fa.Smolka&Co in Schwechat u.a.

Die Präsidentin der Katastrophenhilfe österr.Frauen, Frau Dr.Schmitz, besichtigte am 22.August 1969 die Schäden und übergab 50000 Schilling zur Linderung von Härtefällen, für den selben Zweck gaben die Arbeiterkammer 16500 S und die Gewerkschaft 5200 S. Der Verband der Turn- und Sportunion schenkte 50000 S und ASVI 30000 S für die Renovierung des Schwimmbades und als Beihilfe für die Anlage eines Sportplatzes.

Auch Sachspenden liefen ein, so u.a. von der Fa.Poloplast in Linz 250 m OLT Rohre und von der Lackfabrik Fritze in Wien 100 kg Farbe und Lack.

Überall im Gelände ratterten die Baumaschinen, Caterpillar u.a. Fahrzeuge. Alle bestaunten ihre Leistungen. Wie rasch und scheinbar spielend leicht schabten sie Erhöhungen und Buckeln im Gelände ab, wie schnell waren Gruben und Gräben gefüllt, und wie mühelos bewegten sie schwere Steinkolosse!

Menschen, denen die Neunundzwanziger Mure noch in Erinnerung war, stellten immer wieder Vergleiche an, wenn sie bei den Aufräumungs- und Widerherstellungsarbeiten zusahen. Wie mühsam und langsam war damals alles vonstatten gegangen!

Das Bundesheer half bei der Wiederherstellung der Wasserleitung. Mit Hubschrauber lieferten die Soldaten an einem Nachmittag den erforderlichen Zement zur Alm.

Die Mure war ,,rechtzeitig`` gekommen. Vor dem Murbruch hatten die Arbeiten für die Grundzusammenlegung begonnen. Wieviel Arbeit wäre umsonst gewesen, wenn uns das Unglück später getroffen hätte. So konnten im Gebiet, das die Mure überschwemmt hatte, (Mühlmader, Rakes, Kalkofen, Scharmes, Hutwiesen und Toblaten) die Aufräumungsarbeiten, die Neuanlage der Wege, die Planierung der Wiesen und Äcker und das Ausbreiten von Erde und Humus im Gelände, die Beseitigung und das Versenken großer Steine miteinander gut und zweckmäßig abgestimmt werden. Die Kosten für diese Rekultivierungsarbeiten bezahlten der Bund und das Land; sie betrugen rund 3 Millionen Schilling.

Etwa 3 Jahre dauerten die intensiv durchgeführten Aufräumungsarbeiten. Die Baggerführer schafften mit ihren Baumaschinen Tausende Kubikmeter Steine und Geröll beiseite.

Die Arbeiten sind zur Zufriedenheit der Besitzer ausgefallen. Frisches Grün belebt wieder - viele meinen, schöner als vor dem Murbruch - die grauen verödeten Flächen. Die Gründe sind nun besser und leichter zu bearbeiten.

Der Enterbach, der jahrzehntelang in seinem alten Rinnsal geplätschert oder getobt hatte, erhielt ein neues Steinbett (1,225 km lang), das maximal 150 Meter weiter im Westen liegt. Es ist breiter als das alte Gerinne, es mißt an der Oberweite 9 1/2Meter. Pro Sekunde können 60m \ensuremath{³} Wasser innwärts fließen. Am Donnerstag, den 30.12.1971, fand die offizielle Umleitung des Baches statt.

Die Gesamtkosten dieser Arbeiten betrugen 20633466 Schilling, davon mußte die Gemeinde 2428559 Schilling aus eigenen Mitteln bezahlen.

Das alte Bett ist zugeschüttet und erhöht; so bildet es einen zusätzlichen Schutz für unser Dorf. Auf dem ausgedienten Bachbett führt nun ein Weg vom neuen Schutzdamm aus am Schwimmbad vorbei unter die Eisenbahnbrücke zum Inn. Neben diesem Weg sind Bäume und Sträucher gepflanzt, die in einigen Jahren einen natürlichen Windschutzgürtel und Murschutzgürtel für das Dorf bilden werden.

Die Gesamtkosten diese Arbeiten betrugen 25 Millionen Schilling; 2,5 Millionen (10%) der Kosten mußte die Gemeinde übernehmen.

Der frühere, viel zu enge Enterbachdurchlaß beim Bahndamm ist nun auch beseitigt. Hier baute die Bundesbahn eine 57,1 Meter lange Eisenbahnbrücke. Drei Unterführungen (2 Wege und der Bach) leiten zum Inn; jede einzelne ist bedeutend breiter und höher als der alte Durchlaß.

Wegen Verlegung des Enterbaches und wegen der größeren Höhe der Durchlässe mußte die Geleisanlage merklich gehoben werden. Auf der Arlbergstrecke zwischen Innsbruck und Landeck liegt hier die Maximalsteigung.

Der im Dornach hoch aufgeschüttete Schutzdamm bietet eine weitere zuverlässige Sicherung für Inzing. Dahinter liegt ein geräumiges Auffangbecken. Hier können 75000 m \ensuremath{³}, nach anderer Darstellung 120000 m \ensuremath{³}, Geröll und Geschiebe aufgestaut und abgelagert werden. Im Herbst 1972 waren diese Arbeiten beendet und kosteten rund 10 Millionen Schilling.

Es hieß, daß noch zwei weitere Schüttdämme mit einem Murablagerungsbecken gegen Süden geplant seien; Aber es ist um den Bau dieser Dämme still geworden. Es fehlt das Geld!

Johanneskapelle (März 2001)

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Die alte Johanneskapelle wurde abgetragen. Sie stand dort, wo die Landstraße den Enterbach überquerte. Sie war unterhalb der Straße - lange vor 1800 - erbaut worden (Pfarrer Maaß las darin die heilige Messe). Nach dem Zweiten Weltkrieg erneuerte und verbesserte das Straßenbauamt die Salzstraße, die nun höher lag als die Kapelle. Der ruhige, einladende Eindruck, den der Besucher früher von der Kapelle hatte, die im Schatten der Bäume stand, war nun empfindlich gestört. Als jedoch auf dem alten Enterbachgerinne der Wirtschaftsweg angelegt wurde, glich der Platz der Kapelle einer häßlich wirkenden Grube, in der vorbeirasende Autos Staub wirbelten oder Kot und Schneematsch spritzten. Der Raum war einer Kapelle nicht mehr würdig. Man entschloß sich daher die Johanneskapelle zu verlegen; sie steht nun da, wo sich der Wirtschaftsweg und der Toblatnerweg kreuzen. Es ist geplant, sie auch als Gedächtnisstätte für die Opfer der Mure zu gestalten. 1974 erfolgten die Maurerarbeiten, im Frühjahr 1975 die Dacharbeiten und im Mai 1975 wurden die groben Bauarbeiten mit dem Legen der Schindeln beendet.

Um die Schäden im Schwimmbad (Kabinengebäude und Pilz) beheben zu können, rief der Bürgermeister die gesamte Bevölkerung zur Mitarbeit auf. In der Woche vom 22.bis 30.8.1969 halfen viele Bewohner mit, das Bad wieder instand zu setzen. Vornehmlich viele Vereine, so der Allgemeine Sportverein, die Sportunion, der Gymnastikklub der Frauen, die Musikkapelle, der Männerchor Friedrichslinde, die Schützen, die Bergwacht und wie immer und überall unsere zuverlässigen Feuerwehrmänner, aber ebenso einzelne Personen, besonders Rentner und Pensionisten leisteten gerne ihren Beitrag. Auch Firmen erklärten sich - bei Bereitstellung der Mittel - zu kostenlosen Wiederinstandsetzungsarbeiten bereit.

Die Erneuerung der Anlagen erforderte - neben den vielen unentgeltlich geleisteten Arbeiten - 1632000 Schilling Barmittel.

Bereits im Sommer 1972 - vom 12.8. bis 10.9. - benützten viele Badelustige das Schwimmbad; offiziell eröffnete Bürgermeister Schletterer das Bad erst 1973.

Die Arbeiten nach der letzten Mure zeigten eindeutig, daß die schwierigsten Arbeitsprobleme heute mit den Baumaschinen und anderen technischen Mitteln gelöst werden können. Flurschäden durch eine Mure treffen heute die Grundbesitzer nicht mehr so schwer wie einstens. Damals reichte oft ein ganzes Leben nicht aus, Wiesen und Äcker zu räumen. In der Gegenwart setzt nur der Geldmangel Vielem eine Schranke.

Wie schwer es war, die großen Summen aufzubringen, weiß Bürgermeister Kurt Schletterer. Er mußte bei diesen Arbeiten organisieren, koordinieren, verhandeln und beschwichtigen. Doch seine wichtigste Aufgabe war, das notwendige Geld zu beschaffen.

Die finanzielle Lage der Gemeinde war nicht gut. Kurz vorher hatte man das Kanalnetz und das Feuerwehrgerätehaus gebaut, die Wasserleitung erweitert und erneuert, das Schwimmbad errichtet, Asphaltierungen durchgeführt u.s.w. Inzing stand ohne Geld dem Murunglück gegenüber.

Wieviele Gänge zu den Landesbehörden in Innsbruck und wieviel Vorsprachen bei Bundesämtern in Wien mag Bgm.Schletterer wohl unternommen haben?

Viele Schreiben und Besuche bei Regierungsmitgliedern, Nationalräten, Landtagsabgeordneten, Politikern, maßgebenden Beamten verschiedener Behörden und anderen Gremien waren notwendig, um das Geld für die Wiederherstellungsarbeiten aufzutreiben.

Zur gleichen Zeit wie bei uns hatten auch Flaurling und Oberhofen durch den Kanzingbach Schaden erlitten. In Oberhofen waren rund 50 ha, in Flaurling etwa 10 ha Kulturgrund überschwemmt und versandet, zwei Brücken zerstört, die Bahngeleise verlegt, das Elektrizitätswerk und die Wasserversorgungsanlage stark beschädigt.

Ebenso waren das Sellraintal und andere Gegenden Tirols durch Hochwetter stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

http://www.pisch.at/Ernst/Wissen/Dorfbuch/Dorfbuch.html